Heute ist der letzte Tag, bevor es morgen früh wieder zurück via Kopenhagen nach Düsseldorf geht. Wir wollen es relativ gemütlich angehen lassen und haben uns daher den ganzen Tag Zeit genommen, um die Kjölur hochfahren, nach Hveravellir und zum Kerlingarfjöll.

Die Kjölur ist eine der beiden Nord/Süd-Verbindungen die man nehmen kann, wenn man das Island Hochland durchqueren möchte, um oben in Blönduós anzukommen. Die ehemalige F-Piste ist 180 km lang und man soll – je nach Zustand – gut und gerne 8 Stunden benötigen, um sie zu bewältigen.

 

Kjölur

Ich habe keine Ahnung, wo ich im Vorfeld gelesen hatte, die Kjölur wäre fast immer Easypeasy und „mal eben so“ mit jedem PKW zu fahren. Denn, es ist die beschissenste Piste des gesamten Urlaubs. Und mit „beschissen“ MEINE ich beschissen. Mit 15-20 km/h kriechen wir vorwärts, die Piste ist übersät mit Schlaglöchern, die so tief und in solcher Menge vorhanden sind, dass ich zwischenzeitlich denke, wir können eine der Achsen gleich im Kofferraum transportieren.

An einer Brücke über einen Fluss machen wir kurz Halt, auf Googlemaps schaut es so aus, als wenn sich hier eine Luftaufnahmen lohnen könnte. Und in der Tat, das ist nicht von schlechten Eltern.

Die Brücke am Ablauf des Hvítárvatn auf der Kjölur von oben

Die Brücke am Ablauf des Hvítárvatn auf der Kjölur von oben

 

Im Hintergrund der Norðurjökull mit der Gletscherkante am Hvítárvatn

Im Hintergrund der Norðurjökull mit der Gletscherkante am Hvítárvatn

 

Wenigstens für ein paar Minuten vergessen wir die Schlaglöcher, was für eine Wohltat. Aber kaum sitzen wir im wieder im Auto, geht es auch schon wieder los. Das elendige Gerüttel beschert mir zunehmend Kopfschmerzen, mein Handgelenk tut immer mehr weh vom Umklammern des Lenkrads, um den Wagen überhaupt vernünftig in der Spur zu halten. Ich hätte niemals für möglich gehalten, dass ich deswegen überhaupt einmal rumjammern würde, aber diese blöde Kjölur lehrt mich eines besseren. Nach über 1.5 Stunden Fahrt sind wir gefühlt immer noch ewig weit vom Ziel entfernt.

Zähneknirschend fällen wir eine Entscheidung, die wir bisher nicht fällen mussten. Knapp 20 km vorm Kerlingarfjöll drehen wir um. Ich kann nicht mehr, selten habe ich mich so beim Fahren konzentrieren müssen wie heute. Nicht in Island und auch nicht in den USA. Gravel Roads mag ich eigentlich, aber DAS hier? Das geht gar nicht. Burckhard hat vollstes Verständnis und steht zu 100 % hinter der Entscheidung. Auch so etwas ist nicht unbedingt selbstverständlich, finde ich.

Kjölur, Du bist ein A*schloch! Du hast gewonnen, ich gebe auf. Ich hab ehrlich keine Ahnung, warum in einigen Berichten Leute von dieser Route schwärmen, als wäre sie das Paradies Eden. Ich empfand das, was wir gesehen haben, als ziemlich öde. Eine Mondlandschaft, mehr nicht. Für isländische Verhältnisse ziemlich unspektakulär. Dazu noch der desolate Zustand. Wir spekulieren, dass es vielleicht an der Jahreszeit liegen könnte. Die Hochlandsaison ist fast vorbei jetzt und die Piste wurde vermutlich nur einmal im Juni, ganz zu Beginn der Saison, gegradet. Keine Ahnung also, ob sie Ende August einfach ausgefahren ist. Aber das ist auch nebensächlich, ich werde die Kjölur definitiv nie wieder fahren

Ein Ersatzprogramm muss für heute her und wir spulen einige Dinge ab, die ich so im Kopf habe. Vieles davon sind Stopps bei Aerial Locations, manches andere Orte, die wir bereits kennen. Das Wetter spielt immer noch mit, es gibt dazu kaum Wind, also warum nicht ausnutzen?

 

 

Gullfoss

Zurück am Gullfoss kann ich mich dort über das Bilderbuchwetter nur mäßig freuen. Irgendwie steckt die Enttäuschung doch zu tief. Mit der Aussicht aufs Kerlingarfjöll dann doch „nur“ hier zu landen, wo wir schon etliche Male gestanden haben, ist irgendwie nicht so der Brüller gerade. Aber letzten Endes hatte ich mir einmal vor langer Zeit vorgenommen, mich im Urlaub über solche Nebensächlichkeiten nicht zu ärgern. Anderen wären froh, wenn sie überhaupt hier sein könnten. Vor allen Dingen im „Corona-Jahr 2020“. Von daher alles gut.

X-fach fotografiert ... der Gullfoss

X-fach fotografiert … der Gullfoss

 

 

Geysir

Auch am Geysir merken wir wieder einmal, wie wenig aktuell los ist auf der Insel. Wir haben Mittagszeit und auf dem Parkplatz stehen keine 10 Autos. Undenkbar in einem normalen Jahr, wo dort alleine schon mehr als 20 Reisebusse stehen … neben den ganzen Autos versteht sich.

Der Geysir bricht aus

Der Geysir bricht aus

 

 

Urriðafoss

Der Urriðafoss ist ein Ergebnis des Flusses Þjórsá, der mit über 200 Kilometern Gesamtlänge der längste Fluss Islands ist. Bereits im Hochland trifft man häufig auf ihn. Hier sind es die letzten Meter, bevor er schließlich eher unspektakulär ins Meer fließt.

Der Wasserfall soll angeblich der wasserreichste der gesamten Insel sein, kaum zu glauben eigentlich, wenn man schon einmal vorm Gullfoss oder auch oben im Norden beim Dettifoss gewesen ist. Aber nun gut, es steht hier so auf einer Infotafel, dann wird das vermutlich auch stimmen.

Urriðafoss ... äußerlich recht unscheinbar, aber breiter und gewaltiger als man glaubt

Urriðafoss … äußerlich recht unscheinbar, aber breiter und gewaltiger als man glaubt

 

 

Halbinsel Reykjanes

Unser letztes „Ersatzziel“ für die Kjölur heute war die Halbinsel Reykjanes. Insbesondere wegen einiger Luftaufnahmen wollte ich dort gerne noch einmal hin, aber auch der Kleifarvatn ist immer wieder ein sehr fotogenes Ziel finde ich. Es folgen einige Fotos in loser Reihenfolge, die genauen Locations gibt’s bei Interesse gerne auf Nachfrage per Mail.

 

 

 

 

 

 

Als wir bereits auf dem Rückweg zur heutigen Unterkunft sind, sehen wir vor uns Blaulicht aufblitzen. Zack, Tempo-Überschreitung meinerseits. „Mal eben“ 30 km/h zu schnell … das macht auf Island schlappe 360 EUR Bußgeld umgerechnet, zahlbar direkt vor Ort per Kreditkarte. Überflüssig, weil wir überhaupt nicht in Zeitdruck gewesen sind. Aber die Weite auf Reykjnaes hat mich unmerklich anscheinend viel zu schnell werden lassen

Ein Lehrgeld und ein Fehler, der mir garantiert kein zweites Mal passiert. Ich hätte schlicht den Tempomat rein machen können. Na ja, C’est la vie.

Irgendeinen Knick musste die blütenweiße Weste dieses Urlaubs ja noch bekommen … jetzt ist es halt am letzten Tag passiert. Es hätte ein perfekter Island-Urlaub werden können, nun freut sich erst einmal mein Bankkonto, denn 360 EUR habe ich nicht einmal für den Flug nach Keflavik bezahlt. Lehrgeld, am meisten ärgere ich mich dabei eigentlich über mich selbst.

 

 

Brekkugerði Guesthouse

Unsere Unterkunft heute ist das Brekkugerði Guesthouse, was irgendwie so merkwürdig in einem kleinen Waldstück liegt, das mein erster Gedanke ist: Mist, Polarlichter kann man heute am letzten Abend auch wieder abhaken.

Aber egal, wir müssen eh relativ zeitig aus den Federn. Morgen früh um 8 Uhr muss spätestens der Wagen abgegeben werden, wir stehen daher also recht zeitig auf, da die Fahrtzeit von hier zum Flughafen doch gut 1.5 Stunden beträgt. Unser Gastgeber will uns alles Nötige fürs Frühstück vorbereiten und zurechtlegen, offizielle beginnt das nämlich erst viel später. Und da wir eh – wie so oft in diesem Urlaub – die einzigen Übernachtungsgäste sind, ist es ihm vermutlich relativ egal.

Die Insel verabschiedet sich am nächsten Morgen auf der Fahrt zum Flughafen so, wie sie uns empfangen hat. Mit Sonne. Was auch sonst, es ist ein inzwischen gewohnter Anblick beim morgendlichen Blick aus dem Fenster, so ungewöhnlich das für Island auch klingen mag.

 

 

Fazit

Als wir am Flughafen in Keflavik sitzen und aufs Boarding warten schreibe ich dieses Fazit hier. Es waren rückbetrachtet 10 unfassbare Tage, mit Wetterglück, was ich hier so noch niemals erlebt habe in all den Jahren. Mit einem wehmütigen Auge habe ich immer auf die Bilder in den Reiseberichten aus Juni und Juli dieses Jahres geschielt, weil das Wetter zu dieser Zeit auf Island so unglaublich schön gewesen ist. Und jetzt haben wir selbst noch auf dem Rückflug solch ein Wetter. WAS für ein Anblick aus dem Fenster …

Island verabschiedet uns selbst auf dem Rückflug noch mit Traumwetter .... was auch sonst

Island verabschiedet uns selbst auf dem Rückflug noch mit Traumwetter …. was auch sonst

 

Freise Sicht auf Fjällsarlon und Jökulsarlon, wo man noch einige Eisberge in der Lagune erkennt

Freise Sicht auf Fjällsarlon und Jökulsarlon, wo man noch einige Eisberge in der Lagune erkennt

 

Jetzt hatten wir tatsächlich selber solch ein Glück. Bis auf Stokksnes, wo es in der Tat mal stürmisch und stark bewölkt gewesen ist, hatten wir fast durchweg Sonne mit teils fotogenen Wölkchen. Regen? Fehlanzeige, nicht einen Tropfen haben wir abbekommen. Im Gegenteil, wir fahren gebräunter im Gesicht nach Hause, als wir auf Island angekommen sind. Etwas, was einem erst einmal kaum jemand glauben mag, der das Wetter hier kennt.

Ich hatte nicht wirklich hohe Erwartungen, nachdem wir auf den letzten beiden Reisen nach Island im Winter bereits wirklich sehr viel Glück mit den Bedingungen hier vor Ort gehabt haben. Ich weiß, dass auf Island zu jeder Zeit so ziemlich alles passieren kann und man sich nicht ärgern braucht, wenn es einfach auch mal 10 Tage lang nur regnet. Bei meinem allerersten Urlaub hier war das ja der Fall und ich kennen einige, wo es nicht anders gewesen ist. Von daher erwarte ich eher wenig und freue mich über jeden trockenen Moment. Dass der Moment dieses Mal von der Landung auf Island bis zum Abflug dauern würde, das konnte man ja nicht ahnen.

Nicht alles hat unterm Strich so geklappt, wie es auf dem Plan stand, wie die Kjölur gestern zum Beispiel. Aber Pläne sind da, um geändert zu werden. Die spontanen Entscheidungen und Überlegungen, was wir stattdessen jeweils machen, haben sich als goldrichtig entschieden. Ich möchte fast sagen, mehr geht eigentlich nicht mehr.

Die größeren und kleineren Wanderungen waren alle super, wie viele Kilometer es insgesamt gewesen sind weiß ich nicht genau. Ich schätze aber locker über 100. Gefahren sind wir im Gesamten jedenfalls „mal eben“ 3208 km in den 11 Tagen. Wo die Kilometer alle geblieben sind? Ich weiß es nicht, aber der Tachostand wird kaum lügen.

Wir haben viele tolle neue Gasthäuser kennengelernt und alte Freunde in Vík wiedergetroffen. Bei Martina & Jón ist es halt jedes Mal ein Gefühl, als wenn man zurück nach Hause kommt.

Allgemein wird es kein Ort der Welt glaube ich jemals schaffen, die Gegend bei Vík i Myrdal für mich abzulösen an natürlicher Schönheit. Okay, Landmannalaugar hat es dann doch irgendwie geschafft, aber das ist eine völlig andere Liga. Und auch dieser faszinierende Canyon im Süden der Insel, der wie aus einem Herr der Ringe Film anmutet, hat es spontan geschafft, Glücksgefühle in mir auszulösen. Was für ein unglaublicher Anblick.

Die Zeit im Osten war, trotz zwei vollgepackter Tage, zu kurz im Gesamten. Das hätten durchaus auch noch zwei Tage mehr sein können. Die Entfernungen dort sind nicht zu unterschätzen und ich wäre gerne noch zum Artic Henge hochgefahren. Aber das hat zeitlich einfach nicht mehr gepasst. Irgendwas bleibt ja eh immer übrig für die nächste Reise und in gewisser Weise ist das ja auch gut so.

Bye Bye Island ... es war wieder schön mit Dir

Bye Bye Island … es war wieder schön mit Dir

 

Es war ein schöner, unglaublich beeindruckender Urlaub, mit einem etwas unschönen Erlebnis kurz vor Ende gestern durch das wirklich überflüssige Knöllchen. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass sich niemand wirklich sicher sein kann aktuell, wann es überhaupt wieder möglich sein wird bedenkenlos reisen können, saugt man alles noch einmal viel intensiver auf. Zumindest versucht man es irgendwie.

DANKE ISLAND! Für 7 wundervolle Reisen. Ich habe keine Ahnung, wann ich, wann wir oder irgendwelche anderen Touristen wieder sorglos und „ganz normal“ zu Dir zurückkehren können. Um mit einem etwas abgewandelten Zitat aus der Serie „Dark“ zu schließen: Die Frage ist nicht ob, die Frage ist WANN.

 

Falls Du jetzt etwas Blut geleckt haben solltest und selber mit dem Gedanken spielen solltest, Island einmal einen Besuch abzustatten, dann lies Dir auf jeden Fall als allererstes einmal meinen Artikel zur Einreise nach Island durch. Darin findest DU alle nötigen und tagesaktuellen COVID19-Informationen. Musst Du vor Ort in Quarantäne oder nicht? Welche Regelungen und Einschränkungen gibt es vor Ort etc.